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26.09.2003 aus Vrsac, Serbien - 1796km

Liebe Leute,

Ich sitze hier in Vrsac, Serbien, ein paar Kilometer vor der rumaenischen Grenze. Haette nicht gedacht, dass es mich wirklich hierhin verschlagen wird mit meinem zweiraedrigen Gefaehrten. Viele Eindruecke habe ich die letzten Tage gewonnen seit Ljubljana! Wenn ich aber zurueck an den Start in der Schweiz denke, dann scheint mir dies schon eine Ewigkeit her…

Nun aber der Reihe nach. Von Ljubljana fuhr ich nach Osten ueber Celije nach Rugovska Slatina. Dies ist ein kleiner Grenzuebergang nach Kroatien. So etwa wie von Italien nach Slowenien, bin ich von Hinterland zu Hinterland geradelt. In Kroatien sieht die Landschaft zwar immer noch gleich aus wie in Slowenien, der Lebensstandard schien mir aber deutlich tiefer. Ein guter Teil der Landwirtschaft wird noch mit uralten Traktoren oder sogar Pferdewagen betrieben. Ueber viele kleine Huegel fuehrte mich ein Straesschen nach Varazdin, der ersten Stadt. Die Landschaft ist unmerklich voellig flach geworden. Ich habe das Gefuehl die Kruemmung der Erde zu sehen. Bis an den Horizont fuehren Maisfelder oder eben halt die Strasse, auf der ich radle. Ich entscheide mich die grosse Strasse zu nehmen die direkt ans andere Ende von Kroatien fuehrt, nach Osijek. Viele Doerfer auf dem Weg haben oft kein wirkliches Ende. Wenn ein Dorf aufhoert, dann steht gerade schon das Schild fuer das naechste. Die Doerfer sind aber lustigerweise auch kaum breiter als die Strasse, da meist nur eine einzige Haeuserreihe steht. Mit dem wild Zelten ist es uebrigens kein Problem, es liegen immer wieder Stuecke der Aecker brach und so finde ich immer ein nettes Plaetzchen.

Die Kroaten sind uebrigens ein ueberaus nettes Voelkchen. Haeufig wenn ich unter ein paar Baeumen auf einem Dorfplatz raste und etwas esse, werde ich angesprochen und mir wird Kaffee, Bier und sogar manchmal Yoghurt und Fruechte angeboten. Immer wieder gibt es natuerlich Kopfschuetteln ueber meine Reiseplaene… meist sage dann nur, dass Istanbul mein Reiseziel waere… ich will die Leute ja nicht vollends verrueckt werden lassen. Viele Leute sagen mir auch, dass ich den schoensten Teil Kroatien ja auslassen wuerde, da ich ja nicht an der Kueste entlang gefahren sei. Die Leute irren sich aber, das Schoenste an Kroatien sind eindeutig seine Einwohner!

In Osijek, nach einer langen Tagesfahrt, erreiche ich dann den traurigen Teil von Kroatien. Viele Gebaude zeigen noch die Einschussloecher der Maschinengewehre. Wahrend Jahren hat hier ein schrecklicher Krieg geherrscht und Europa hat zugeschaut. Per Zufall treffe ich das Touristenbuero an… eigentlich waere geschlossen, aber mein Fahrrad hat die beiden Frauen im Buero neugierig gemacht. Ich suche eigentlich eine Unterkunft fuer die Nacht, da ich eigentlich gerne mich wieder mal so richtig waschen moechte… es ist aber alles besetzt ausser einer Privatpension 9km vom Zentrum weg. Schon in voelliger Dunkelheit hetze ich ueber die Landstrasse Richtung dem Doerfchen Bilje.

Todmuede und sauber geduscht falle ich abends ins Bett in der Privatpension in Bilje. Am naechsten Morgen spreche ich noch lange mit Marijne. Sie hat Mathematik studiert und lebt nun mit Ankice zusammen, der Betreiber der Pension. Wir sprechen ueber alle moeglichen Dinge, vorallem natuerlich ueber meine Reise. Marijne und Ankice scheinen mir sehr fasziniert vom Gedanken einfach so mit dem Rad die Welt zu entdecken. Marijne schildert mir aber auch ihre Eindruecke vom Krieg. Sie hat schreckliches erlitten, so wie viele Menschen hier in Kroatien. Sie nennt die Jahre des Krieges *gestohlene Jahre*. Mir gehen ihre Schilderungen sehr nahe. Unfassbar, ich bin nur zwei Wochen mit dem Fahrrad unterwegs und bin schon an einem Ort, wo solche Verbrechen begangen wurden. Die Kriegsberichte der Neunzigerjahre haben ploetzlich eine ganz andere Bedeutung fuer mich. Erst am spaeten Nachmittag fahre ich von der Pension aus weiter. Eigentlich fahre ich im Naturreservat Kopacki Rit vorbei, meine Gedanken kreisen aber immer wieder um die Geschichten, die ich an diesem Tag gehoert habe.

Am naechsten Tag fahre ich dann durch Vukovar. Die Stadt, die noch die deutlichsten Zeichen des Krieges traegt. Ganze Quartiere liegen noch in Truemmer, aber vielerorts wurde trotzig die kroatische Flagge gehisst auf den zerschossenen Gebaeuden.

Ich versuchte immer Serbien nicht zu erwaehnen in Kroatien, da die Menschen sehr ungute Gefuehle damit verbinden. Irgendwie habe ich nun auch ein sehr ungutes Gefuehl bei der Fahrt zur Grenze. Angekommen in Serbien erlebe ich eine unglaubliche Trostlosigkeit. Die Staedte und Doerfer in der Naehe der Grenze scheinen mir wie ausgestorben an manchen Orten. Mein ungutes Gefuehl ist bald verflogen, als ich Menschen begegnet bin, die auch nie etwas den Kriegen zu tun haben wollten. Heute wurde ich zum Beispiel an einer Tankstelle zum Essen eingeladen. Der Betreiber der Tankstelle wollte, dass ich unbedingt hiesige Spezialitaeten probiere. Er hat extra fuer mich Fisch und Schafsrippen gekocht… nur zum probieren. Eigentlich bin ich ja Vegetarier, hier konnte ich einfach nicht nein sagen. Ironischerweise heisst der Tankwart Milosevic, er ist aber sehr froh, dass sein Namensvetter in Den Haag in Handschellen sitzt.

So, jedes Land hat also seine guten Seiten. Morgen gehts in die Karpaten in Rumaenien.

Bis bald,
Daniel

 

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